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Am Eingang geht es zu wie auf einem Reiterhof. Dem teuersten weit und breit. Rassige Araber
laufen Galopp. Ihr Zaumzeug funkelt von Edelsteinen. Was heute dem Macho der Porsche, war einst dem
Fürsten ein edles Pferd. Und so wie heute in den Regalen von Männern Modelle von Ferraris stehen,
ließ sich einst der maskuline Adel sein Statusross in Holz zimmern. Allein im Inventar der
sächsischen Rüstkammer von 1606 waren rund 60 hölzerne Ebenbilder von Pferden unterschiedlicher
Haltung und Farbe vermerkt. Vier der Rassevierbeiner in Holz begrüßen ab März die Besucher im
ersten Teil der neuen Rüstkammer, der Türckischen Cammer. Nach dem rasanten Auftritt folgt
Stille.
Wie ein Teppich schwebt ein Zelt im Raum. Kein Laut. Eine Schutzhaut für den König. Ein Ruhepol
für die Besucher. Hier wird jeder stehen bleiben. Das osmanische Staatszelt mit prächtigen
Applikationen aus Seide und vergoldetem Leder ist Zentrum der Türckischen Cammer. Die Zeltmaße: 20
Meter lang, acht Meter breit, sechs Meter hoch. Seit Anfang der 1990er-Jahre arbeiteten die
Restauratoren daran, es instand zu setzen. 3,6 Millionen Euro hat das gekostet. Seit 70Jahren war
es nicht mehr zu sehen. Zuletzt stand es im Lichthof des Johanneums. Zum Schutz vor
Kriegszerstörung verpackten es 1939 die Museumsmitarbeiter und lagerten es nach Königstein aus.
Seit dem schlummerte es in Depots der Kunstsammlungen.
Nach Sachsen kam das Zelt, weil einst August der Starke wie reiche Türken campen wollte. Der
König plante in seiner grandiosen Selbstüberschätzung, dem Sultan zu gleichen. Als Puppenstube
hatte er sich dafür bereits für seine grüne Schatzkammer vom Hofjuwelier Dinglinger den Hofstaat zu
Dehli am Geburtstag des Großmoguls Aureng-Zeb basteln lassen.
Aber August langte es nicht, mit der Puppenstube zu spielen, er wollte selbst die Hauptrolle
geben. So erschuf er einen begehbaren Hof des Großmoglus. Anlässlich des Zeithainer Lagers wurde
das große Staatszelt 1729 aus Polen nach Dresden gebracht und war bei der Truppenschau 1730
Bestandteil der riesigen Zeltstadt, die Erinnerungen an das gewaltige türkische Heerlager vor Wien
wachrief. Mittendrin der Sachsen-Sultan August. Der Direktor des Grünen Gewölbes und der Rüstkammer
Dirk Syndram nennt dies eine „irrwitzige Verschwendung mit großer Nachhaltigkeit“. Denn 280 Jahre
später profitieren die Besucher der neuen Ausstellung davon.
Was heute an orientalischer Kunst zu sehen ist, erwarben die Wettiner, erbeuteten sie, bekamen
sie geschenkt oder ließen es in europäischen Werkstätten erschaffen. Prunkreitzeuge, Panzerhemden,
Helme, Fahnen, Waffen, Gewänder und Kunstwerke des Orients aus dem 16. bis 19.Jahrhundert werden
gezeigt. Teile davon waren jahrelang in der ehemaligen Rüstkammer im Semperbau des Zwingers zu
sehen. Seit 20 Jahren arbeitet Oberkonservator Holger Schuckelt an der Konzeption und die
Restauratoren an der neuen Rüstkammer und dem Erhalt der Objekte. Zurzeit wird alles ins richtige
Licht gesetzt. Das doppelt entspiegelte Glas lässt die Besucher ganz nah heran. Dirk Syndram nennt
sein neues Kleinod deshalb auch gern die tückische Kammer, denn das Glas verschwindet für das Auge
des Betrachters. Wer nicht genau hinsieht, hat eine Scheibe am Kopf. Doch der geübte Besucher kennt
das aus dem Grünen Gewölbe. Nur im Dresdner Schloss ist man den Schätzen so nah. Nicht zuletzt auch
deshalb, weil Herkunft und Geschichte exakt erforscht sind.
Quelle: Sächsische Zeitung
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